Marco Kerler, Volkslyrik

„Es ist schön, ein Buch zu lesen, aber noch schöner ist es, ein Buch vorzulesen. Auch wenn oder gerade weil man schon erwachsen ist.“

Wenn die Bücherstapel in der Wohnung Woche für Woche wachsen und sich in buchstäblich jedem Zimmer Bücher befinden, in der Küche auf dem vollen Bücherregal die erste eigene aber nicht mehr funktionierende Schreibmaschine als Postkartenhalter thront, der Kleiderschrank im Schlafzimmer zum Bücherregal umfunktioniert wurde und die guten Stücke sogar im Badezimmerschrank landen, dann kann man es nicht mehr abstreiten, dann ist man ein Büchermensch.

Und nicht nur als Lesender ist Marco Kerler ein Buchmensch, auch als Schreibender widmet er sich den bedruckten Seiten des Lebens und hat damit früh begonnen. Als Kind hat er kleine Heftchen gebastelt, die er an Eltern, Großeltern und andere Verwandte verschenkte. Denn schon damals war ihm klar, dass etwas, was geschrieben wurde, auch gelesen werden sollte.

Sein erster, beim Verlag veröffentlichter Gedichtband, Damn Poetry, erschien 2007. Im vergangenen Jahr dann das zweite Buch Schreibgekritzel. Dazwischen Stilfindung, Zeitschriftenveröffentlichungen, Kontakte und nicht zuletzt Lebenserfahrung, also so gesehen „Schreibmaterial“. Die Grundthemen der beiden Werke sind gleich geblieben, es finden sich viele sozialkritische Gedichte darin, aber auch Berichte vom Zerbrochensein, dem eigenen Aufraffen und der Schnelllebigkeit der Zeit. linda_fromme

Mit seinem neuen und dritten Gedichtband, Volkslyrik, hat Marco Kerler eine Art Konzeptbuch geschaffen. Die im Buch veröffentlichten Werke entstanden als Live-Projekt, innerhalb von neun Tagen, auf einer Freizeitmesse in Ulm im Zusammenspiel mit dem Publikum. Im Gespräch mit den Besuchern seines Messestandes entwickelte der Autor Gedichte, die Leben und Gedanken der Menschen aufs Papier brachten und die sie nach dem Erzählen mit nach Hause nehmen konnten.
Die dabei entstandenen 100 Gedichte finden sich nun im Buch wieder, jedes erzählt seine ganz eigene Geschichte.

Die Resonanz des Projekts war enorm, die teilnehmenden Menschen durchweg begeistert, selbst dann, wenn die Erwartungen an das Ergebnis künstlerisch gebrochen wurden. Und wenn die Erzählungen über die Vergangenheit allzu emotional wurden, legte Marco den Stift beiseite und hörte, mit dem Wissen um seine wichtigste Rolle in der selbst gewählten Konstellation, einfach nur zu. Meist, so berichtet er im Nachhinein, waren diese Menschen am glücklichsten über ihre Gedichte und darüber, ihre Erlebnisse in einer gewissen Distanz aufs Papier gebannt zu sehen.

Das Buch ist bei der edition dreiklein erschienen und ist kunstvoll gestaltet. Jedes Gedicht wird seiner Individualität durch eine eigene Doppelseite mit Illustration gerecht.

Mich hat der Titel Volkslyrik ein bisschen an das Thema Schlager erinnert und auf die Frage nach der kaum vorhandenen Popularität von Lyrik gebracht. Marco hat dazu eine klare Meinung:

volkslyrik„Lyrik sollte populärer werden. Die großen Buchhandlungen scheinen trotz den Erfolgen von Nora Gomringer oder Jan Wagner regelrecht Angst vor neuer Lyrik zu haben. Sie ist dort meist gar nicht existent und man könnte meinen, dass sie irgendwann nach Berthold Brecht aufgehört hat, zu gelten. Die Schule trägt durch das Zwangsauswendiglernen und Interpretieren von Gedichten auch ihren Teil zum schlechten Ruf bei und wenn man nicht gerade einen besonders pfiffigen Lehrer hatte, bleibt man im Glauben, dass sich ein Gedicht reimen muss. Ich bin Liebhaber langer, verrückter Gedichte, deren Zugang man sich erst einmal erschließen muss, kann aber auch verstehen, dass jemand ohne jegliche Vorkenntnisse damit nichts anfangen kann. Trotz allem bin ich im festen Glauben, dass es für jeden Menschen diesen einen Gedichtband gibt, der ihn nicht mehr loslassen wird.“

Hier geht’s zur edition dreiklein.

Marco Kerler, Volkslyrik, edition dreiklein, 214 Seiten, Broschiert, 14 Euro.

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