Teich

Eine junge Frau lebt alleine in einem alten Landhaus an der irischen Westküste. Ihr Blick und ihre Sinne sind geschärft von der Einsamkeit. Sie erzählt von ihrem Leben, von den kleinen Dingen, der Schönheit und Eleganz des Alltäglichen. Sie ist weit weg von all der Ablenkung durch Konsum, Medien und Menschengetümmel und kann sich einen fantasievollen Fokus und Konzentration auf das Wesentliche leisten: „Ich finde es viel besser ein Zimmer vollständig zu verlassen, bevor man ein anderes betritt.“

Angesagte Achtsamkeit?

Soweit, so gut. Soweit passt das Buch ganz wunderbar in die angesagte Achtsamkeits-Minimalismus-Ecke. Soweit passt der Inhalt auch prima zum pastellfarben nichtssagenden Cover mit Klappstuhl-Romantik. Aber das Buch kann noch so viel mehr. Da passt dann vielleicht auch doch wieder das Klappstuhlbild. Denn das hier ist eine unbequeme Landidylle. Die ist, genauso wie ihre Erzählerin, sperrig, eigensinnig und widerspenstig. Hier klappt nichts zusammen, aber hier ist auch nichts pastell, sondern tiefgrün schlammig oder blau und gewittrig und das macht die Faszination des Buches aus.

Eine überquellende Biotonne mit Würmern, dazu hübsch lackierte Fingernägel, die sich liebevoll erdrückend um ein Würmchen schmiegen, das hätte besser gepasst. Das Buch nennt sich Roman, ohne eine Handlung zu haben, vielmehr lebt es von der Stimmung und einem herrlich eigenen Tonfall. Hier fängt der Widerspruch schon an. Und so zieht er sich durch alle Kapitel: es geht ums alleine sein, ohne sich einsam zu fühlen, um unverfängliche Alltagssituationen, die zu morbiden Assoziationsketten werden.

Birnen sind nicht gesellig

Die Beobachtungen fangen herzzerreißend hübsch und liebevoll an, schlagen Haken und enden dann oftmals in düsteren Gedanken: „Birnen sind weniger gesellig“, Bananen bekommt das Vergessenwerden kein bisschen und Porridge am fortgeschrittenen Tag ist ein bedrückender Rückschritt. Zum richtigen Zeitpunkt ist Porridge mit einem Klecks schwarzer Johannisbeermarmelade jedoch eine gute Idee. Dazu Mandeln. „Doch Obacht, Obacht bei den gehobelten Mandeln: Für mürrische oder zimperliche Gemüter sind sie nichts, und sie dürfen keinesfalls wie Konfetti über das Porridge geworfen werden, denn Mandeln haben mit Konfetti nichts gemein… Wenn man hingegen Mandelhobel einfach wahllos verstreut, erinnern sie an Fingernägel, die sich gerade aus der Erde bohren.“

Verlust der Kontrollknöpfe

Auch das Kapitel „Kontrollknöpfe“ drückt das bestens aus: die Drehknöpfe am Herd zerbröseln nach und nach und so überlegt die Ich-Erzählerin sehr sorgfältig, wo neue herzubekommen wären, ohne das ganze Gerät austauschen zu müssen. Wie wertschätzend und ökologisch, denkt man sich, bis sie darüber sinniert, ob das Gerät nun selbstmordgeeignet ist, oder nicht. Ihr Kopf, so hat sie es ausprobiert, passt jedenfalls nicht hinein und außerdem sei er gar kein Gas- sondern ein Elektrogerät und somit ohnehin ungeeignet. Und so schließt sich der Kreis schön zum Titel, womit klar ist, dass mit dem Verlust der Knöpfe auch ein Kontrollverlust gemeint ist. Es endet mit dem Satz „Alle Namen bedeuten dir nichts, und dein Name bedeutet niemandem etwas“ und begräbt damit endgültig alle Romantik des Landexils.

Keine Schubladen

„Teich“ ist eine Entdeckung und eine Offenbarung. Das Buch ist sprachlich herausragend, es verführt zu einem neuen Blick auf Alltägliches, es ist selbstironisch, witzig, tiefsinnig und sexy. Vor allem ist es, ebenso wie seine Protagonistin, absolut schubladenuntauglich und das ist wunderbar, denn so bleibt es immer unberechenbar und ist damit für mich ganz große Literatur.


Kaufmöglichkeiten: Link zum Verlag | www.thalia.at |  www.genialokal.de

#buylocal: in deiner lokalen Buchhandlung lagernd oder über Nacht bestellbar.


 

Teich Book Cover Teich
Claire-Louise Bennett
Roman
Luchterhand
23.04.2018
gebunden
224
978-3-630-87556-9
A 20.60 € | D 20.00 €

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