Unterleuten

„‚Das Tier hat uns in der Hand.'“

In Unterleuten herrscht Krieg. Das brandenburgische Dorf ist tief gespalten, Grund dafür ist ein geplanter Windpark. Die Dorfbewohner haben ihre eigenen Methoden, das Problem zu lösen und die Neu-Unterleutner, hippe Aussteiger, meist aus dem nahen Berlin, finden nicht ihr ersehntes Idyll, sondern befinden sich bald mitten in einem höllischen Kampf zwischen Windparkgegnern und -befürwortern. Die bereits glimmenden Krisenherde zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen werden damit endgültig entfacht. Außerdem gibt es Konflikte zwischen Männern und Frauen, Rätsel um alte Liebschaften, zwanzig Katzen, ein verschwundenes Kind und ein furchtbares, ungeklärtes Ereignis, das lange zurück liegt und trotzdem ständig präsent ist. Kurzum: „Mit dem Dorf stimmt was nicht. Ganz massiv“.

Da ist Armin Seidel, der einsame Bürgermeister, dessen Frau viel zu früh gestorben ist und deren Tod Unerhörtes offenbart hat. Da ist Gombrowski, Landwirt und heimlicher Patriarch, der das Dorf im Griff zu haben scheint. Mit seinem Widersacher Kron verbindet ihn eine lange Geschichte und ein dunkles Geheimnis. Da ist der Automechaniker und Schrotthändler Bodo Schaller, dick und dubios, der auf seltsame Art und Weise sein Gedächtnis verloren hat.

Und da ist die Garde der Großstadtflüchtlinge: Gerhard Fließ, ehemaliger Soziologie-Professor, jetzt Angestellter des Vogelschutzbundes Unterleuten, verheiratet mit Jule, seiner ehemaligen Studentin. Außerdem Linda Franzen und Frederik Wachs. Frederik lässt es ruhig angehen, er ist Spiele-Entwickler beim gewachsenen Startup-Unternehmen Weirdo in Berlin und betrachtet die Geschehnisse in Unterleuten lange mit einem gewissen Abstand. Ihn interessiert hauptsächlich Lindas Wohlergehen. Die ist besessen von ihrem Zuchthengst Bergamotte und der Idee eines Pferdehofs. Wenn es um ihre Ziele geht ist sie knallhart und bereit, ihren Willen entgegen aller Hindernisse durchzusetzen.

Als im Kampf um die Windräder alte Fehden aufbrechen, verstehen die Zugezogenen die Dorfwelt endgültig nicht mehr. Trotzdem mischen sie sich mit unbeholfener großstädtischer Arroganz in Dinge, die sie nicht durchblicken. Bis am Ende die Situation für alle Beteiligten eskaliert und das freiheitsliebende Dorf Unterleuten implodiert.

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich ins Buch gefunden habe. Dann aber hat es einen herrlichen Sog entwickelt. Letzten Endes hat der große Gesellschaftsroman von Juli Zeh bei mir bleibenden Eindruck hinterlassen. In Gedanken hing ich nach der letzten Seite noch einige Zeit in Unterleuten fest. Denn natürlich geht es nicht nur um den aus dem Ruder geratenen Windpark-Kampf, sondern um die große Frage der Moral. Wie weit ist man bereit für die Durchsetzung der eigenen Interessen zu gehen? Wann beginnt eine Gemeinschaft zu zerbrechen? Wodurch wird man zum Gewinner oder zum Verlierer?

Übrigens: nicht nur das Buch selbst ist aufwändigst recherchiert und bis in Detail durchdacht, Verlag und Autorin sind so weit gegangen, auch das entsprechende Fantasiegerüst drum herum zu bauen. Unterleuten hat eine eigene Webseite mit Lageplan und Beschreibung der Charaktere. Es gibt Facebook-Profile von Dorfbewohnern, Verlinkungen zu handlungsrelevanter Lektüre und eigene Internetauftritte des Vogelschutzbundes und der Dorfkneipe Unterleutens:

www.unterleuten.de

www.vogelschutzbund-unterleuten.de

www.maerkischer-landmann-unterleuten.de

Auch wenn ich sonst keinen Schnickschnack rund um Bücher brauche, das ist schon sehr, sehr gut!

Juli Zeh, Unterleuten, Luchterhand, 640 Seiten, Gebunden, A 25,70 Euro, D 24,99 Euro.

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