Benedict Wells, Vom Ende der Einsamkeit

„Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.“

Ein Unfall ihrer Eltern in Frankreich reißt die drei Geschwister Jules, Marty und Liz aus ihrer glücklichen Kindheit. Die kommenden Jahre, die sie als Waisenkinder im Internat verbringen müssen, werden ihr Leben dauerhaft prägen, denn: „Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind: Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.“

Jules, Marty und Liz verlieren nicht nur ihre Eltern, sondern auch ein bisschen sich selbst. Marty, wissensdurstiger Einzelgänger und Nerd, ist derjenige, der die schwierigen Jahre im Internat noch am besten zu meistern scheint. Auch später macht es den Eindruck, als hätte er sein Leben mit Familie und eigener Firma im Griff, wären da nicht die sorgsam gehüteten Ticks, die es ihm nicht gelingt, abzulegen.
Liz, einst lebensfrohes, attraktivstes Mädchen der Schulzeit, sucht die Verdrängung mit Drogen und unzähligen Männern, die sie nach kurzer Zeit selbst verlässt, nur um nicht verlassen zu werden. Von ihrer früheren künstlerischen Begabung ist kaum mehr etwas zu erkennen, immer weiter rutscht sie in den Abgrund.

Der Ich-Erzähler Jules, in seiner Kindheit ein Draufgänger und um keine Herausforderung verlegen, wird zum verschlossenen, nachdenklichen Jugendlichen, später bricht er sein Studium ab und arbeitet halbherzig bei einem Plattenlabel. Stets scheinen über ihm dunkle Wolken zu schweben und der letzte, unglücklich verlaufene Moment mit seinem Vater, der zur Reise nach Frankreich im Streit aufgebrochen ist, lässt ihn niemals los.

Die Geschwister scheitern daran, sich gegenseitig Halt zu geben, sind überfordert, verlieren sich aus den Augen, finden sich wieder und ringen um Verständnis füreinander  – und bleiben doch über Jahre hinweg in ihrer Einsamkeit gefangen.

Die einzige, die Jules aus seiner gegenwärtigen Lethargie befreien kann, ist seine Jugendfreundin Alva. Die beiden verbindet ein verheerender Verlust in ihrer Kindheit. Doch seine Jugendliebe entschwindet ihm für viele Jahre und es dauert, bis Jules einsieht, dass es Alva ist, die ihm fehlt. Mit ihr kann er die Frage seines Lebens besprechen: „Was wäre das Unveränderliche in dir? Das, was in jedem Leben gleich geblieben wäre, egal, welchen Verlauf es genommen hätte?“ Als Jules Alva wieder findet, folgt eine abstruse Episode, in der beide monatelang gemeinsam mit Alvas Ehemann, einem alternden russischen Schriftsteller, in einem abgelegenen schweizerischen Chalet leben.

Mit Alva glaubt Jules die Einsamkeit überwinden und das Glück endlich festhalten zu können, bis das Leben für ihn wieder eine andere, unausweichliche Richtung einschlägt.

Ein unfassbar berührendes Buch – tiefgründig, große Themen, teilweise kaum auszuhalten und trotzdem ist es nicht möglich, es aus der Hand zu legen, auch dann nicht, wenn der letzte Satz schon längst gelesen ist.

Benedict Wells, Vom Ende der Einsamkeit, Diogenes, 368 Seiten, Gebunden A 22,70 Euro, D 22,00 Euro.

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