Mariana Leky – Was man von hier aus sehen kann

Das liebenswerteste Buch des Jahres.

Selten habe ich ein Buch so langsam gelesen und mir so sehr gewünscht, dass es nie zu Ende geht. Jeder Satz ist ein Hochgenuss. Ein Gourmethäppchen der Unterhaltungsliteratur. Allein die ersten beiden Seiten habe ich bestimmt fünfmal gelesen. Jetzt ist es natürlich immer so eine Sache, wenn man Bücher zu sehr anpreist und die Erwartungen dementsprechend hoch sind. Aber dieses kann sie definitiv erfüllen. Vielleicht nicht für jeden auf den ersten beiden Seiten, aber spätestens nach den ersten drei Kapiteln. Es schafft die Vereinigung der wesentlichen Zutaten für einen Roman, der süchtig macht: liebenswürdige und auch lustige Charaktere, eine originelle, schöne Sprache, mehrere Liebesgeschichten und die notwendige Portion Tragik.

Im Kern geht es um die alte Frage, wie man reagieren würde, wüsste man, dass das Leben in ganz naher Zukunft zu Ende geht. Welche Geheimnisse wären noch an den Mann/die Frau zu bringen? Gäbe es Liebesgeständnisse nachzuholen oder Briefe zu verbrennen? Und was macht es mit einem ganzen Dorf, wenn es den Tod vor der Nase hat?

Konkret geht es um ein kleines Dorf im Westerwald und um Selma, die ihr Leben in diesem Dorf verbracht hat und um ihre Träume. Denn jedes Mal, wenn Selma von einem Okapi träumt, dann stirbt innerhalb der nächsten 24 Stunden ein Mensch im Dorf. Nun ist das Okapi ein merkwürdiges Tier und die Reaktionen der Dorfbewohner, die mit dem eigenen Tod rechnen, sind es auch. Merkwürdig im besten Sinne oder auch bemüht normal, wie bei Elsbeth, Selmas bester Freundin:

Jetzt, um fünf Uhr nachmittags, als das halbe Dorf bei Elsbeth gewesen war und es ruhiger um sie wurde, als ihr lieb war, sprang ihr ein Aufhocker in den Nacken. Ein Aufhocker ist ein unsichtbarer Kobold, der üblicherweise nächtlichen Wanderern auf die Schulter springt. […] Der Aufhocker plapperte nach, was das halbe Dorf gesagt hatte. Es hatte von Selmas Traum gesprochen […]. «Du solltest dich jetzt fürchten», sagte der Aufhocker. «Nein», sagte Elsbeth, «ich sollte jetzt Soßenbinder kaufen».

Es gibt aber auch Reaktionen, wie die des Optikers. Er ist seit vielen Jahren ein treuer Weggefährte und guter Freund Selmas. Er liebt Selma und wenn das Okapi auftaucht, dann packt er all die angefangenen Liebesbriefe in seine braune Aktentasche und macht sich auf den Weg, den Hügel hinauf, zu Selmas Haus.

Liebe Selma, es ist, nach all den Jahren unserer Freundschaft, bestimmt falsch komisch seltsam bemerkenswert unerwartet überraschend falsch

Liebe Selma, danke für den Tipp wegen der Maulwurfshügel. Apropos Hügel. Beziehungsweise Berg. Ich kann nicht länger hinter dem Berg halten mit

Doch der Weg ist lang und die Stimmen im Kopf der Optikers warnen ihn lautstark.

Schließlich heißt es aber auch, trotz Okapitraum, ein Stückchen Normalität zu wahren – Luise, Martin und Alaska zuliebe. Luise ist Selmas Enkelin, Martin ihr bester Freund und Alaska ein riesiger Hund. Zu Beginn des Buches ist Luise zehn Jahre alt. Am Ende des Buches ist sie 35 und hat bereits einige Abschiede hinter sich. Ihre große Liebe, einen buddhistischen Mönch namens Frederik, hat sie das letzte Mal vor Jahren gesehen. Sein Versuch, in Form eines neuen Regals Ordnung in ihr Leben zu bringen, steht unaufgebaut in der Ecke.

Die große Qualität des Buches ist, dass es sich permanent um die großen Themen des Lebens dreht, um Liebe und Tod, aber dabei nie kitschig wird. Deshalb weiß ich mit Sicherheit: das ist ein neues Lieblingsbuch und wahrscheinlich eines der ganz wenigen Bücher, das ich zweimal lesen werde.

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Was man von hier aus sehen kann Book Cover Was man von hier aus sehen kann
Mariana Leky
Roman
Dumont
18.07.2017
gebunden
320
978-3-8321-9839-8
A 20.60 € | D 20.00 €

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