Stephan Thome, Gegenspiel

„Schatz, was ist los?“

Maria Pereira zieht es in den 80er Jahren von Lissabon nach Berlin. Auch nach der Nelkenrevolution bietet ihr Heimatland einer jungen Frau wenige Perspektiven jenseits von Heirat und Familie. In Berlin stürzt sie sich in die Hausbesetzerszene Kreuzbergs, gerät in linke Krawallnächte und beginnt eine Beziehung mit einem rebellischen Theaterregisseur.

Dann lernt sie den Philosophiestudenten Hartmut, ihren späteren Mann, kennen und landet schließlich als Ehefrau und Mutter in der nordrhein-westfälischen Provinz, während ihr Mann an seiner Unikarriere schraubt.

Mit 50 beginnt Maria noch einmal neu. Sie packt entgegen dem Verständnis ihres Mannes, einige Sachen in einen Kleintransporter und zieht alleine zurück nach Berlin.

Dort arbeitet sie als Regieasisstentin an einem Theaterstück ihres Exfreundes aus Studientagen. Aus ihrer Entscheidung jedoch folgen mit der Wochenend-Ehe viele Unsicherheiten, Auseinanderentwicklungen, mögliche Affären und auch ein Selbstfindungstrip ihres Mannes über Frankreich nach Portugal zu den Schwiegereltern, während Maria zum Bühnengastspiel nach Kopenhagen fliegt.

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„Gegenspiel“ ist das Gegenstück zu Stephan Thomes Roman „Fliehkräfte“, in dem die Ehe aus der Perspektive von Marias Ehemann, dem Philosophieprofessor Hartmut Hainbach erzählt wird. Die Stärke der Bücher liegt darin, dass die vordergründige Handlung, die auf dem ersten Blick so normal und allgegenwärtig scheint – gescheiterte Ehe, Midlife-Crisis, geplatzte Träume – mit dem Blick auf beide Perspektiven und hinter die Fassaden fasziniert. Alles dreht sich um uns alle betreffende Beziehungsfragen nach verschiedenen Wahrheiten, Täuschung, Selbsttäuschung, Vetrauen und Hingabe.

„Gegenspiel“ lässt sich eigenständig lesen, doch mit der Lektüre des vorangegangenen Buches kommt man hier hinter die Frage, was der andere wirklich denkt und woher all die Missverständnisse und Komplikationen einer Beziehung kommen können. Das ist sehr anrührend und auch einfach spannend. Besonders dann, wenn man Dialoge wortgleich wiederfindet, aber sich jeweils voll und ganz in der Denkweise von Maria oder Hartmut bewegt. „Literarischer Gefühlsrealismus“ nennt dies sehr treffend die Rezension auf Spiegel Online. Oder wie Maria sagt: „Uns beide verbindet nichts außer Liebe, und das klingt romantischer, als es ist.“

Stephan Thome, Gegenspiel, Suhrkamp, 457 Seiten, Taschenbuch, A 12,40 Euro, D 12,00 Euro.

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